Friday, February 3, 2017

Of course it fucking was :)

Zu meiner allerersten Lesung vor über zehn Jahren tauchte kein Mensch auf. Das heißt: Der Veranstalter war da und ein Mitarbeiter, aber sonst niemand. Schlimmer noch: Im Grunde hatte ich minus 2 Besucher, denn es gab eine Lesung vor mir, da waren zwei Leute, die versprachen, nach der Pause wiederzukommen, aber sie verließen das Haus, um zu rauchen, und wurden niemals wiedergesehen.

Ich war froh. Ich hatte solche Angst vor dem ersten Lesen in der Öffentlichkeit, dass ich es als Erleichterung empfand, mich stattdessen betrinken zu können. Der Kater kam erst am nächsten Morgen, als mir bewusst wurde, was wirklich Sache war: Ich war hier in Berlin, ich hatte meinen ersten Roman geschrieben und mir eingebildet, er wäre was Besonderes, was Großartiges, und niemand war gekommen, um mich daraus lesen zu hören. Aber als der Zug aus dem Hauptbahnhof fuhr, wusste ich - ich würde zurückkommen, eines Tages, und vor einem vollen Haus lesen. Und damit das geschehen konnte, würde ich ein neues Buch schreiben. Ich würde weiter fest daran glauben, dass das, was ich machte, gut und richtig war. Ich wusste, diese Leidenschaft, dieser Schuss von Wahnsinn, den wohl nicht wenige Schriftsteller oder solche, die es werden wollen, in sich tragen, nicht wegen einer minus-2-Besucher-Lesung in der Bundeshauptstadt erlischen würde.

Kurioserweise war es dann so, dass ich tatsächlich bald zurück nach Berlin kam und die Bude ausverkauft war. Aber nicht irgendeine Bude war voll, sondern das legendäre Deutsche Theater in Berlin. Der Regisseur Robert Borgmann hatte meinen ersten Roman für die Bühne adaptiert. Ich war so beeindruckt von dem Zirkus, dass ich, wenn ich mich recht erinnere, nur Stuss von mir gegeben habe bei dem anschließenden Gespräch. Ich verbrachte dieses Mal die Nacht nicht in der Jugendherberge, sondern in einem feinen Hotel, in dem ich mir aber ein wenig fehl am Platz vorkam und nicht länger als eine Stunde in der Nacht schlief. Ich saß in der Kantine des Deutschen Theaters mit Schauspielern und Regisseuren, die ich vom Fernsehen her kannte. Ein Mann, von dem alle sagten, dass er urwichtig und berühmt sei in der Theaterwelt, schüttelte mir um Mitternacht die Hand und sagte, er fände meinen Roman fantastisch, was ganz Besonderes sei der, und er freue sich auf mehr. 

So ging es immer wieder in den letzten Jahren. Es gab schwere Schläge, die mich trafen, aber ich habe mich auf den Beinen halten können. Sie beeindrucken mich mal mehr, mal weniger, aber solange man nicht K.o. geht, ist nichts verloren. Man kann weiter von einem Lucky Punch träumen, einer Überraschung. Denn eines ist klar - der Gegner ist immer der Favorit, wenn man Schriftsteller ist. Der Gegner ist immer größer, stärker, besser trainiert, in Punkten vorne. Ja, manchmal denke ich an diese Passage in "Hagakure", dass man nämlich von einem Menschen mit einem gewöhnlichen und gesunden Geist nicht erwarten kann, dass er Großes vollbringt. 'Nur wenn er sich in einen beinahe verrückten, verzweifelten Zustand bringt, weit jenseits von Vernunft und Eigennutz, kann er solches leisten.'

Ja, genau so fühlt sich das manchmal an, wenn man Romane dieser Art schreibt. Von Skinheads, Zwangsprostituierten, Drogenkurieren, Handydieben und Outlaws in radioaktiv verseuchten Gegenden. Man muss ein bisschen einen an der Klatsche haben, um das jahrelang durchzuziehen, ohne großes Stipendium und ohne großen Bestseller. Man hört auch auf, sich zu fragen, wieviel Treffer man landen kann, sondern wieviel man einstecken kann. 

Aber - was it worth it?

Of course it fucking was.

Weil ich mich beim Schreiben lebendig fühle. 
Weil ich da brenne. 
Und das ist für mich Glück.





No comments:

Post a Comment